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Freitag, 09. Februar 2024–Sonntag, 17. März 2024

«so gesehen wie gefunden» von Max Hari

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Der Kunstraum CRMI hiess in den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts noch Galerie Chrämerhuus und war ein Ausstellungsort von überregionaler Bedeutung. Ueli Berger, Franz Eggenschwiler, Dieter Roth, Hans Schärer, Roman Signer, Jakob Weder und viele weitere namhafte Künstler:innen zeigten in den Räumen im ersten Stock ihre Arbeiten.

1984, also vor genau vierzig Jahren, hatte Max Hari im Chrämi seine erste Einzelausstellung in Langenthal. Das «kleine Jubiläum» nimmt der Künstler nun zum Anlass, im Rahmen des Oberaargauer Kunstmonats ins Chrämerhuus zurückzukehren und die Räume – auch sie haben sich in den letzten vier Jahrzehnten gewandelt – noch einmal neu zu bespielen.

Doch so gesehen wie gefunden ist keine Retrospektive. Einem kleinen «historischen» Teil – Werke aus Haris Einzelausstellungen von 1984 und 1987, sowie Fotos und Dokumente aus diesen Jahren – werden eine Auswahl von Zeichnungen und Malereien aus dem aktuellen Werk des Künstlers gegenübergestellt. Dies ermöglicht uns, der Frage nachzugehen, ob überhaupt und allenfalls was sich denn im Schaffen des Künstlers im Verlaufe der vielen Jahre gewandelt habe. Die Ausstellung mag auch Anlass zu Überlegungen sein, wie sich der Kunstbetrieb verändert hat und welche Herausforderungen sich ihm heute stellen.

Gezeigt werden kleinere Werkgruppen, die einen losen thematischen Zusammenhang aufweisen. Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie von Haris gestalterischem Prozess zeugen, welchem immer – und das ist wohl die Konstante im Wandel seines künstlerischen Schaffens – ein Wechselspiel von spontaner Intuition und kritischer Reflexion zu Grunde liegt.

Kuratiert und literarisch verortet wird die Ausstellung durch Loris Aregger.

LITERARISCHE VERORTUNG* DURCH Loris Aregger

Ich träumte, ich hätte literweise blaues Wasser getrunken, aber der Durst konnte einfach nicht gelöscht werden. Als ich aufwachte, war ich verschwunden. Nach vielen Jahren kam ich durch den Hintereingang zurück in das Haus, welches nun irrtümlicherweise auf der Anhöhe gegenüber stand, und fand mich, ein Notizbuch in den Händen haltend, auf dem Bett sitzend wieder…

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Literarische Verortung zur Ausstellung «so gesehen wie gefunden» (Max Hari) 

09.02.24 

 

Aufsicht, Ansicht, Einsicht
von Loris Aregger

 

Ich träumte, ich hätte literweise blaues Wasser getrunken, aber der Durst konnte einfach nicht gelöscht werden. Als ich aufwachte, war ich verschwunden. Nach vielen Jahren kam ich durch den Hintereingang zurück in das Haus, welches nun irrtümlicherweise auf der Anhöhe gegenüber stand, und fand mich, ein Notizbuch in den Händen haltend, auf dem Bett sitzend wieder.

Der Doppelgänger hob seinen Zeigfinger unter die Nase, schräg über den Mund, dann blinzelte er und bat mich, ohne Worte, näher zu kommen und mich neben ihn zu setzen. Er legte das Buch auf mein linkes Bein und schlug es in der Mitte auf, der Buchrücken kam auf sein rechtes Bein nieder. Die Seiten waren weiss. «Noch immer weiss», sagte ich, und hier beginnt unser Gespräch…

 

Muss es sein?

Ja, du weisst, frag nicht.

Also schrumpfen…

Ja, so ist es, darauf haben wir uns geeinigt, das hatte seine Gründe, du warst dabei.

Ich war dabei.

So. Und nun die Ellenbogen einklappen, die Hüte ablegen – ja, alle – und dann die Aufsicht.

Ja, die Aufsicht. Gut. Ich sehe mich von oben als Punkt. Da ich noch immer stehe, nenne ich mich Standpunkt. Von mir gibt es viele, das weiss ich, und nun vergesse ich es. Was ich sehe, macht mich leicht und schwer. Was ich sehe, kann ich beschreiben, weil ich hier und nicht dort bin. Dort bist du, und nun lass uns streiten.

Danke.

Es ist grässlich mit dir. Du bist ein Wahnsinniger, ein Idealist!

Danke. Und nun ich. Aufsicht: Da ich gerade erst aufgestanden bin, sehe ich mich von oben als Punkt. Weil ich überall stehen könnte, mich aber mit dir streiten will, bleibe ich an Ort und Stelle und nenne mich Standpunkt. Von mir gibt es viele, das weiss ich, und nun vergesse ich es.

Grässlich.

Danke.

Ein Wahnsinn!

Genau. Und was noch? Du weisst ja, man hört uns zu. Nach all den Jahren wird dir doch ein gutes Bild aufsteigen, das uns gemeinsam zeigt?

            K U R Z E   P A U S E

Zwei Menschen, äusserlich identisch, des Weiteren unbestimmbar, verlassen eine den oberen Bildrand durchziehende Strasse. Atemwolken sind zu sehen, vielleicht Rauch, es muss kalt sein. In der Vertikalen, also zwischen ihnen, zieht sich ein dicht bewachsener Streifen – grün oder braun oder sonst was – von der Strasse bis zur Bildmitte, dort verschwindet er, wie auch der Rest der Landschaft, in dickem Nebel.

Dem geliebten Weiss entgegen…

Dem abscheulichen Weiss! Und am unteren Bildrand sammeln sich die Punkte: für jeden Abstieg–

–Einstieg!

Abstieg!

Einstieg!

Abstieg und Schluss! – für jeden Abstieg ein Punkt. Wir sind auf der Strasse, dem Weg, und dann im Abhang und dann im Nebel und dann wieder und wieder schrumpfen wir und werden zu diesen jämmerlichen Punkten.

So haben wir uns das eingerichtet, genau so.

Genau so. Damit wir nicht erblinden, nicht wahr?

Damit wir auf dem Weg ins Weisse nicht in Unordnung geraten. Und wir müssen es als fürchterlich und als grosse Lust empfinden, sonst–

­–sonst kommen wir da nicht mehr raus, kommen nicht mehr zurück auf die Strasse mit ihrem schönen Mittelstreifen und den Leitplanken…

            P A U S E

Camus sagt, wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen.

Bevor oder nachdem seine Bücher weltbekannt wurden?

Die Welt mag vielleicht seine Bücher gekannt haben, aber wer ist das schon? Die Welt, sobald ich über sie nachdenke, ist all das, was ich nicht bin – und ich muss (!) über sie nachdenken, weil sie mich sonst auffrisst.

Darum hast du mich geschaffen?

Darum hast du mich geschaffen!

                        P A U S E

Wer sind wir?

Wir sind die handlungsfähige Differenz; wir sind die Welt kurz vorm Verschwinden; wir sind der blinde Fleck in einem gross gewordenen Auge, das sich wünscht, noch nicht alles gesehen zu haben; wir sind die, die sich selbst aufs Spiel setzen und ihre Übersicht der Handlung opfern; wir sind der langjährige Dialog zweier entgegengesetzter Standpunkte, die an den gleichen Figuren vorbeigehen; wir sind unvereinbar und unersättlich – uns bleiben nur die Worte, wir sind die Worte, die die Seiten wechseln, und wir müssen uns auf die Dürftigkeit dieser Standpunkte schrumpfen, damit wir nicht zu hohlen Redewendungen werden, oder mit der Angst des Malers gesprochen, zur aufgeblasenen Skizze.

Und wo sind wir? Nein, ich antworte gleich selbst, denn deine Worte drohen davonzufliegen so aufgeblasen sind sie: Wir stehen am Schicksalshang und sind gerade dabei, in die Schicksalssauce einzutauchen.

Du nimmst mir noch den Heldenmut mit deiner beklecksten Sprache – aber gut, hätte ich einen Mund, würden dessen Winkel nach oben zeigen.

Also?

Ansicht: ­­Ich habe etwas gesehen, das bin nicht ich, aber ein Ich könnte sich darin erkennen. Aus dem Weiss steigen Worte auf, die wollen meine Stimme. Ruf mir zu, ich ruf dir zu: wie gefunden, so gesehen. Bittesehr.

Ansicht: Da ist was, das bin nicht ich, aber ein Ich könnte mich darin erkennen. Durch den Nebel dringt eine Stimme, die will nur meine Worte haben. Ruf dir zu, ich ruf mir zu: so gesehen wie gefunden.

Schöne Wendung!

Danke. Wir tun ja immer das Gleiche und doch alles immer zum ersten Mal, was bleibt mir in dieser Not anderes übrig als die Möglichkeit einer Wendung?

S T I L L E

Siehst du was?

S T I L L E

Jetzt: Form, ohne Titel, Nr. 4321 – Eine Kinderschar wird freigelassen. Aber vorerst noch nicht. Zuerst die Landschaft: Wie so oft, ein Irrgarten. Zur Linken ein Hügel, so auch zur Rechten, weiter unten unzählige mehr davon. Sie sind bedeckt mit riesigen Tüchern, die meisten weiss, wie das Fell einer Trommel mit ihrer Basis verbunden und niedergespannt. Nun die Kinderschar… wie tritt sie auf?

Wirbeln ins Bild! Wie Schneeflocken!

Ein Schneesturm! – sie werden reingefegt. Umzingeln den kleineren Hügel, zumindest einige. Andere haben sich vereinzelt, doch zu ihnen später. – Und dann los, die Kinderschar reisst die Tücher auf und nimmt von der darunterliegenden Farbe immer gleich so viel in die Hände, wie darin Platz hat. Sie klettern auf die stillgelegten Hügel und bewerfen sich damit, holen Luft, dann noch mehr von diesen Farben, bis das Tuch kaum noch zu sehen ist. Den nächsten Hügel gehen Sie gezielter an. Sie teilen sich in Gruppen, denken sich ein Lied aus und stürmen los, oder bauen sich Hütten aus dem verschmierten Tuch und setzen sie in Brand. Nun die vereinzelten: Sie–

­–Sie liegen in der Sonne und schlummern vor sich hin – träumen vielleicht, sie wären durstig und leerten gläserweise blaues Wasser in sich hinein, ohne je den Durst zu stillen. Diese vereinzelten wiederum, werden sich für ihre Träumereien einen unversehrten Hügel suchen, wo ihr Schlaf nicht gestört wird, und all das Wasser versickern kann – durch sie hindurch – und nur das Blau bleibt. Darüber je ein Sternbild, das den Formen ihrer–

Schicksalsberg mit Schicksalssauce! Und nun auch noch die Sterne herunterbemühen?!

Ja, mitunter ist’s verhängnisvoll, sich ein Bild zu machen, aber man stelle sich eine Welt vor, wo niemand sich das traut.

Wunderbare Welt! Alles ganz bei sich, und die Sterne endlich wieder brennende Ungeheuer, in denen nichts als Auslöschung praktiziert wird, bis sie sich schliesslich selbst auslöschen und dem allgemeinen Nichts ihr höchsteigenes Nichts abgewinnen. Tödliche Magneten für die Vorstellungskraft, wunderbar! Und (!) ich werde dir nicht genügend gesagt haben, dass sich der Kampf zwischen Ordnung und Chaos nicht darstellen lässt: – dass genau hier der Garten des Irrtums anfängt, wo wir auf deinen nie endenden Spaziergängen nach einem Symbolbild für das suchen, was du schamlos die Schöpferische Kraft nennst. Mein lieber Feind, du willst Gott spielen? Dann los! Lass mich schlafen!

Also zur Einsicht?

Meine Güte, diese Disziplin! Grässlich. Es muss sein?

Du weisst…

Ich weiss, die Vereinbarung. Schon gut. Bereit?

Bereit.

Einsicht: Ich kann etwas beginnen, ich muss etwas beenden. Dazwischen gerät alles ausser Kontrolle. Nichts ist nur Erfindung. Wer den Weg verlässt und dort hinuntersteigt, geht weder allein noch in Begleitung. Es ist ein Streit um den Sinn.

Einsicht: Ich muss etwas beginnen, ich kann etwas beenden. Dazwischen gebe ich die Kontrolle ab. Das Nichts ist eine Erfindung. Wer den Weg verlässt und dort hinuntersteigt, ernennt sich seine Begleiter. Es ist ein Streit, der Sinn macht.

Dem Künstler zur Ehr, vom Flaschengeist mehr! – Kann ich nun endlich?

Du kannst, denke ich.

 

* literarische Annäherung an die Ausstellung durch eine Drittperson, wird jeweils an der Vernissage vorgelesen, kann von den Besuchenden gratis mitgenommen werden.

Max Hari

lebt und arbeitet in Langenthal und Berlin
1950 in Thun geboren

www.maxhari.ch