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Hauptausstellung

Samstag, 13. Januar 2024–Samstag, 27. Januar 2024

«Nephele: different forms of being» von Wera Grzes

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Eröffnung der Ausstellung um 17:00;
Literarische Verortung um 17:30

Nephele, Göttin der Wolken in der griechischen Mythologie, steht für eine Entität, die sich keiner Definition und Kategorisierung unterwirft – sie lässt Raum für die Selbsterschaffung und Transformation ihrer Form. Die Gemälde der in Bern wohnhaften polnischen Künstlerin Wera Grzes sind Porträts eines Körpers, der nicht in den Rahmen passt, der seinen Fokus verändert, sich kristallisiert und transformiert - ein nie endender Prozess der Erschaffung seiner selbst.

Grzes thematisiert in ihren Malereien und Texten den Körper als eine durch unsere Kultur und Gesellschaft definierte Erscheinung und führt uns vor Augen, wie sehr sich dieser im Zuge seiner Selbstbetrachtung wandeln kann: «Der Körper ist eine künstliche Schöpfung – ein Phantom. In sich selbst – voller Leidenschaften, Emotionen, Erfahrungen – ist er eine sich ständig formende Form, die ich durch meine Erkenntnis erschaffe und umgestalte. Gleichzeitig gebe ich ihm Gestalt, und er gibt mir Gestalt.» (Wera Grzes)

Die literarische Verortung der Ausstellung unternehmen die Schriftsteller:innen Carla Lorenz & Leach Mittwann gemeinsam.

LITERARISCHE VERORTUNG* DURCH Carla Lorenz und Leach Mittwann

In unserem Sonnensystem
ist es so
auf der Erde
auf dem Kontinent
Europa
vor allem hier
in der Schweiz
und nicht nur in der Schweiz
auch in Österreich ist es so
in Deutschland, Polen, in der Slowakei
sagen wir überhaupt
in weiten Teilen Europas:
Manche essen gerne Äpfel.

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Literarische Verortung zur Ausstellung „Nephele: different forms of being“ (Wera Grzes) 
 

13.01.24 

STÜTZPUNKT WOLKE 
Carla Lorenz, Leach Mittwann

1    

In unserem Sonnensystem
ist es so
auf der Erde
auf dem Kontinent 
Europa
vor allem hier
in der Schweiz
und nicht nur in der Schweiz
auch in Österreich ist es so
in Deutschland, Polen, in der Slowakei
sagen wir überhaupt
in weiten Teilen Europas:

                    Manche essen gerne Äpfel.

Ich habe keine Daten, keine Statistik, auf der diese Behauptung fußt. Auf uns beide jedenfalls, das mit Sicherheit, trifft sie zu.

Wenn Frau Lorenz und ich auf Reisen gehen, haben wir immer einen Apfel in der Tasche. Da kommt es schon mal vor, dass der Apfel ungünstig liegt, oder gar zu Boden fällt. Den eigentlichen Apfelort verlässt und sich selbstständig macht. Ich meine: er fällt.

Wenn das passiert, bekommt der Apfel eine Delle, eine Druckstelle oder wie immer Sie das auch nennen mögen. In Wien hieße es Depscher.

Aber kehren wir zurück zum Apfel, der gerade zu Boden gefallen ist. Wird nun abgebissen von diesem Apfel, zeigt sich eine bräunliche Stelle. Oft schon sichtbar an der Schale, sofort wissen wir, ah, dieser Apfel ist ein gefallener Apfel. 
Und beißt man ab, beißt man in den weichen, bräunlichen Fall hinein. 

Ja, in den Fall. Und im Fall, letztlich im Aufprall, passiert am menschlichen Körper etwas Ähnliches. Anders als beim Apfel, ist der Fleck, der auf der Haut entsteht, nicht braun. 

Er ist blau. 


2    

Im oberen Stockwerk 
stehe ich vor einem Blau 
vermesse mit der Spannweite meiner Finger 
dieses Blau
und kann immer nur 
und kann immer noch sagen 
Blau Blau Blau 

Fünfzehn Zentimeter 
falls das noch stimmt 
falls das noch gilt 
Vielleicht ist die Hand gewachsen 
hat sich über die Jahre gedehnt 
sich gestreckt sich weiter 
und weiter 
und weiter –

Jemand schiebt die Schiebetür 
Aber welche? 
Welche Tür schiebt jemand vor 
Was 
schiebt jemand eine Tür vor
im oberen Stockwerk 
stehe ich 
und vermesse 
mit der Spannweite meiner Finger
ein Bild 

Dort wo kein Körper ist
ist Blau

Hält das Blau den Körper, frage ich 
hält das Blau den Körper im Bild
begrenzt es ist 
der Körperrand

Stützt es 
und wenn ja 
von wo aus
von welchem Punkt

Wo kommt es an


3    

An welchem Stützpunkt? 

An
ein Ich, ein Me, Myself

Das Ich erhebt sich, stützt sich, wieder stützt es sich, zeigt sich im Anschnitt. Ein nackter Körper, vor angezogenen Galerieaugen, sagt: Ich anerkenne mich selbst.

In all meinen forms of being erkenne ich mich selbst an.

Because, so heißt es, I can

Kriechbewegung
Brückenbewegung
Achselzucken

Because I can
Anerkenne ich mich selbst
An mich: erkenne ich selbst


4    

Aber was passiert 
wenn es regnet?

                    Du bist ja nicht aus 

Zucker schmilzt 
vom Körper 
Körper schmilzt 
mit

                    
                    Du bist ja noch da

Körper noch da 
die Gestalt verworfen 
schwimmt 
rinnt 
nimmt neu an 
schöpft 
aus sich selbst
ein Neues
eine Gestalt
aus gleichen Teilen
gemacht
gewandelt 
kommt sich verwandelt vor
kommt sich entgegen 
unter Wasser 
Körper


5    

Körper anzuschauen
ist mir unangenehm

Nur lange genug bleiben
sag ich
Nicht weggehen
Dann löst sich etwas
die Spannung

Im Durchgang schlag ich mir den Kopf
in einer anderen Sprache
Die Bilder tragen mir ihre Flecken nach

Der Körper gerät außer sich 
zieht vorbei


Nephele 
Wovon geht sie aus 
Wo liegt ihr Zentrum ihr Kern
die Iris?

Der Fehler liegt schon in der Frage.

Hier liegt nichts
Liegen hieße ja ruhen
Hieße: Bleib wie du bist
Hieße: Sprich deine Sprache, keine zweite
Hier findet ein Aufrichten statt
ein Fließen
ein Werden im Ganzen

Ein blauer Fleck 
wird Wolke
schwebt davon


6    

Ich wollte auch die Wolke vermessen 
Was frei bleibt 
wollte ich vermessen 

Die Kanten waren so klar 
Klack Klack 
Waren klar 
Dann kam der Wind 

                    Hast du hingeschaut?

Ich weiß es nicht 
Ich habe nichts brechen sehen 

 

* literarische Annäherung an die Ausstellung durch eine Drittperson, wird jeweils an der Vernissage vorgelesen, kann von den Besuchenden gratis mitgenommen werden.

Zeichnungsspiel Finissage

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Wera Grzes

born 1996, in Poznań (PL)

Lives in Bern, works in shared studio in Kehrsatz Nord.

https://www.instagram.com/alloewero/