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Hauptausstellung

Sonntag, 03. November 2024–Sonntag, 24. November 2024

“REVUE” VON MARIA TACKMANN

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Eine Linie ziehen, nicht um gegen die Vergänglichkeit der Welt zu kämpfen, sondern um sie zu loben. Ein fragiles Muster entdecken, das aber keine Ordnung vorgaukelt, sondern das Chaos betont. Maria Tackmanns künstlerische Herangehensweise besteht aus dem Sammeln unzähliger Materialien, die ihr als Fundus für ihre installativen Werke dienen. Ihre Arbeit entsteht stets in Verbindung mit dem jeweiligen Ausstellungsraum. In “Revue” zeigt die Künstlerin nebst einer für die Ausstellung entstandene Installation ihre fortlaufenden Zeichnungen als gezeichnete Gedanken, ein Tagebuch der Suche nach allem, was bereits da ist.

Maria Tackmann

Maria Tackmann (*1982) setzt bei ihren Arbeiten sowohl natürliche, vorgefundene Materialien als auch vom Menschen produzierte ein und komponiert aus diesen Fundstücken bisweilen raumgreifende Installationen. Ausgehend von materiellen Spuren entwickelt sie ein grundlegendes Interesse an der Artikulation und Erscheinung von Farbe als Ergebnis einer künstlerischen Handlung.

LITERARISCHE VERORTUNG* DURCH Chimära

"Mein Körper war gehorsam und versagte."

Sie haben ihn ausgekleidet. Dann tätschelten sie ihn.

Das Aufgreifen des Wortes ist ein geschickt platzierter Köder. Er häutet diejenigen, die seinem Verlangen folgen. Solch ein Köder fand ich in einem dunkelgrauen Wald.

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Kunstraum CRMI, Literarische Verortung zur Ausstellung «REVUE» (Maria Tackmann), 03.11.24

"Mein Körper war gehorsam und versagte." von Chimära

Chimära ist ein Mischwesen der griechischen Mythologie. Der griechische Name bedeutet eigentlich „Ziege“. Der Begriff Chimära wurde später verallgemeine und auf andere Mischwesen ausgedehnt, die nicht greifbar sind.

„Sie haben ihn ausgekleidet. Dann tätschelten sie ihn."

Chimära wurde diametral geboren. Philosoph, verbannt in der Literatur. Anthropologe und Zoologe des Chaos. Chimära ist Raum, nicht Manifestation. Eine obszöne Bühne, leerversprechend. Die Rauheit, die bleibt nach der Ausbruch eines hilflosen, formlosen und sprachlos Magma.

Das Aufgreifen des Wortes ist ein geschickt platzierter Köder. Er häutet diejenigen, die seinem Verlangen folgen. Solch ein Köder fand ich in einem dunkelgrauen Wald. Er stand auf einem Hügel, gerahmt von Fahrspuren, vorhersehbar eng, mit dem Ziel, jeden aufzuspüren, der ihnen in die Quere kommt. Überholen oder gegen sie fahren. Nach ein paar einsamen Runden wurde mir klar, dass das Wort hier keinen Nutzen hat. Ich steckte meine Hände in die Taschen und schluckte alles zurück, auch die schwarze Kapuze, meine Grimasse fiel herunter, die Zähne gehorcht und hörten auf zu mahlen. Es dauerte nicht lange, bis sich hinter mir eine Reihe von Menschen befand, die das auch taten. Sie überholten mich, beschnüffelten mich dabei nicht. Ich habe nicht geroche als bestünde ich nicht aus Fleisch. Hinter mir hörte ich nur das Zischen der Äste. Jedes Geräusch heizte den allgemeinen Ausbruch an. Ich ging und verschwand in der Schlange narkotische Tausendfüßler. Ich rief: „Warum ergreifen wir nicht öfter nicht das Wort?“ „Ist das Wort nicht schrecklich? Warum nicht verstümmeln? Die stummen Liebhaber des Verlangens verstehen es um einiges besser. Ein oder zwei Monate später, das könnte jetzt sein, liege ich in meinem Zimmer und finde das zu radika Durch das Zurückziehen wird der Andere kopiert. Ich glaube, da hat jemand in diesem Wald geredet, und das waren weder ich noch die anderen. Wir existierten nicht, wir trafen uns nicht. Euphorie war ein Ventil für die Angst. Das Knacken von Zweigen war der Versuch, die tödliche Taubheit zu verhindern. Ich rede jetzt darüber, damit es fremd bleibt, als hätte ich es nicht erlebt, damit es sich wiederholt. Meine Augen hörten auf zu blinzeln, um nichts zu verpassen. Ich war nicht da, aber ich ging und liess mich gehen, erlaubte es mir. Es entstand ein Muster, das nach sich selbt verlangte. Wir gehen, wenn es blutet. These: Jeder von uns versucht, Wirklichkeit zu gewinnen durch das Wort. Der Wettbewerb um die "Realität" greift nicht selten auf den Schrei der Logorrhoe zurück. Aber auch: Oft möchte man sich in den Korridoren des Schreiens treffe Aber auch: Das Gespräch ist immer langweilig und beginnt mit einer besonderen Anstrengung. „Werde ich beantwortet? Das ist jetzt Heldentum, es geschieht aus Angst. Das Fleisch spricht, wenn es im Messer das Licht des Metzgers sieht. Damit ernährt sich die Welt. Doch in dem dunkelgrauen Wald gelang es mir, stattdessen stumme Linien einzusammeln und damit mein Verlangen zu legitimieren. Statt libido schreibe ich jetzt Linie, oder auch licito, also erlaubt. Erlaubt, dass es sich unendlich wiederholt und immer wieder versagt.

* literarische Annäherung an die Ausstellung durch eine Drittperson, wird jeweils an der Vernissage vorgelesen, kann von den Besuchenden gratis mitgenommen werden.