AgendaAusstellungenLiveKontakt

Ausstellungen

Samstag, 09. April 2022–Samstag, 18. Juni 2022

Good Company – Sapir Kesey Leary

Zurück

Sind wir alleine und schliessen die Augen, so existiert zwar das Äussere fort, jedoch nur in dem Sinne, wie wir es uns vorstellen können. Wenn wir uns also aufmachen, diese Innenwelt zu erforschen, dann werden wir dort jene Gesellschaft wiederfinden, die uns unsere Vorstellungskraft ermöglicht. Im mehrfachen Sinne des Wortes «Gesellschaft» wird dies nicht nur das System sein, nach welchem diese Innenräume organisiert sind, sondern auch die Geister, mit denen wir sie teilen. Wird es diesen Gesellen langweilig, so entwickeln sie manchmal ein Eigenleben, das dann wiederum mit der äusseren Gesellschaft (ebenfalls im mehrfachen Sinne des Wortes) nicht kompatibel ist. Sapir Kesem Learys’ Kunst kann hier Vermittlungsarbeit leisten und zur allgemeinen Besänftigung beitragen.

LITERARISCHE VERORTUNG* DURCH NARAYANA ANANDA SIEBER

aber du kannst nur GOOD COMPANY


he jou, wie gehts denn so. geht so. warum. mmh. was? hab mich verloren. hä, wie. hab zu lange in den -

spiegel spiegel an der wand, vier ist die lieblingszahl, die vier soll es sein. vier minuten will ich dieses bild betrachten, diese skizze, diesen menschen vor seinem ebenbild.

das ist eben nicht so einfach, das betrachten, das bild betrachten und das sich selber betrachten, weisst du. manchmal siehst du in das glas vor dir, früh am morgen oder mitten in der nacht, vielleicht ist es dunkel um dich, aber hell genug für diesen schnellen blick in den spiegel spiegel an der wand -

Ganzer Text anzeigen

9.4.2022

aber du kannst nur GOOD COMPANY

von Narayana Ananda Sieber

 

he jou, wie gehts denn so. geht so. warum. mmh. was? hab mich verloren. hä, wie. hab zu lange in den -

spiegel spiegel an der wand, vier ist die lieblingszahl, die vier soll es sein. vier minuten will ich dieses bild betrachten, diese skizze, diesen menschen vor seinem ebenbild.

das ist eben nicht so einfach, das betrachten, das bild betrachten und das sich selber betrachten, weisst du. manchmal siehst du in das glas vor dir, früh am morgen oder mitten in der nacht, vielleicht ist es dunkel um dich, aber hell genug für diesen schnellen blick in den spiegel spiegel an der wand -

ich kotz gleich.

weil ich darauf nicht vorbereitet war, auf diesen anblick, auf dieses

mich

da vorne

an der wand.

wie kann ein mensch so müde aussehen, ernsthaft. ist müde gleich hässlich, müde ist verladen, müde ist fern vom leben. doch gehört es dazu, ich bin doch nicht bloss mich selbst, wenn ich nicht müde bin, ich bin es auch dann, wenn ich grässig dreinschaue. und ich bin es auch dann, wenn es nicht mehr früher morgen ist, vielleicht später abend, wenn ich betrunken bin und mich selber nicht mehr erkenne, weil das ethanol mich breit werden lässt. breit in meinem wesen, breit in mir selbst. träge. und mich eben nicht mehr ganz mir selbst überlässt, sondern mich fernträgt von rationalen gedanken. trotzdem steh ich da und sieh dieses bild an, seh mich an, seh ich mich an, mitten am späten abend. genau wie jetzt, mitten am frühen abend, schau ich euch an, ihr schaut mich an, ich schau nicht mehr das bild an, sondern diesen text, den ich jetzt gerade eben nicht mehr am schreiben bin, doch eben schon, als ich an euch dachte, vor zwei tagen und das ist ja auch irgendwie jetzt, weil ich ja genau jetzt diesen text schreibe aber jetzt nicht mehr,

zeit ist eine illusion,

ich dachte an euch und wusste nicht, wer ihr sein werdet, ob ihr sein werdet, ob irgend ein mensch sein wird.

das war mir egal, jetzt wäre es mir nicht mehr egal, doch jetzt seid ihr ja da. und weil ihr da seid, können wir teilen, kann ich vor allem teilen, weil ich steh da und ihr steht da aber eben da und nicht da, wo ich steh. deshalb kann gerade nur ich teilen, doch denken dürft ihr trotzdem. so wie auch später, wenn ihr durch diese malereien, bilder und skulpturen irrt, ihr denken dürft, denken sollt, auch wenn nur eine seite teilt. das ist nun mal so, das tut mir leid aber ich finds auch grad eher schön so dazustehen und zu teilen zu teilen zu teilen und ich darf labbern und ihr sollt still sein.

spiegel, spiegel an der wand,

wir kennen alle diesen moment. wir sehen in den spiegel. und sehen weiter. gehen einen schritt näher an uns. sehen vielleicht ein paar zahnpastaflecken am ort,

wo eigentlich unsere nase ist. die sind uns egal, die nase ist es nicht. unser blick wandert nach oben, zu den augen, die sind vielleicht grün oder braun oder gelb oder farblos oder -

die sind richtig krass. und so richtig tief. und wir gehen näher und näher, bis wir uns vielleicht selber berühren, also den kalten spiegel berühren, mit der nase unseren nasenspitzen erfühlen und weiter sehen und tiefer gehen und nicht mehr wissen, und diese augen, und diese poren, und diese, und nicht mehr wissen, wie raus hier. und etwas in uns schreit, hör auf, in den spiegel zu sehen, hör auf, wir sehen nicht mehr in den spiegel, wir starren und starren und starstararren und

STOP LOOKING AT THE MIRROR

und dann selbst erstarren.

stille. wir sind losgelöst. verloren.

es ist ein moment, tageszeit scheissegal, müdigkeit scheissegal, es ist ein ganz dummer moment. denn wenn wir uns daraus nicht lösen, dann kann das eine weile dauern. uns selbst zurückgewinnen. wenn ihr euch erstmal verloren habt, dann - wo seid ihr dann. nicht in euch drin, nicht im spiegelbild, vielleicht im spiegel selbst verloren oder das brünneli hinuntergeflossen. da müsstet ihr dann dem sanitäter anrufen, der müsste dann die rohre absuchen kommen mit seinen geräten - nicht der sanitäter, nein, der sanitärer müsste es sein. oder der sanitär. einfach einer dieser menschen und vielleicht könnte der sanitäter trotzdem da bleiben, wenn ihr ihn schon gerufen habt, um euch zusammenzubringen wieder, wenn dann der sanitärer euch gefunden hat. sanitär.

doch meist ist das nicht so einfach. das mit dem sich verlieren. meist kommt da keine und flickt euch einfach zusammen. meist seid ihr da allein. immer dann, wenn ihr euch selber am meisten bräuchtet, seid ihr weg. gone. was soll das, fragt ihr euch. was soll diese scheisse. vielleicht versucht ihr, euch zu finden, vielleicht geht ihr nach draussen spazieren, durch das dorf, durch alles - doch ihr seid so leer. da ist nichts drin. vielleicht seid ihr einfach blind, hoffentlich nur vorübergehend, vorübergehend blind, okay, das könnt ihr verkraften. trotzdem wollt ihr nicht, dass man euch ansieht, trotzdem wollt ihr nicht gesehen werden. don`t look at me. was wollt ihr denen sagen, wenn die euch diese dumme frage fragen.

he jou, wie gehts denn so. geht so. warum. mmh. was? hab mich verloren. hä, wie. hab zu lange in den spiegel geschaut. ach, echt? ist auch egal. und was machst du jetzt? weiss nicht, bin an den fluss gegangen. und? dem war das auch egal. boah, krass. ja, schon krass. ich hab dir blumen mitgebracht, schau, wie schön die aussehen. danke, aber ich bin vorübergehend blind.

(vielleicht bin ich einfach zu sensibel.)

das sagen einem doch immer alle.

sei nicht so sensibel. hör auf, dir dauernd diese gedanken zu machen. hör auf, dich andauernd selbst zu hinterfragen. hör auf-

ich kann nicht aufhören, verdammt. wenn diese gedanken laufen, dann laufen die und die laufen meist ziemlich weit und die gedanken machen mich oft traurig, aber wenn ich sie nicht denke, wenn ich deren rat befolge, dann macht mich das auch traurig. also denke ich lieber diese gedanken und bin kurz traurig und vielleicht danach wieder untraurig und untraurigkeit kann bis zu glücklichkeit gehen. auch wenn dem fluss scheissegal ist, wer ich bin. mir ist es nicht.

explore yourself. das tut gut. denke ruhig. denke weit. lass dich zu.

schau einfach nicht zu lange in den spiegel.

(vier minuten sind schon lange vorbei, ich hab mich selbst verarscht. das hingegen ist mir egal.)

und während du vielleicht nicht zu lange in den spiegel schaust, denkst du plötzlich an deine tote grossmutter oder an deinen toten vater oder an deine tote tochter und dann denkst du, dass du sie eigentlich viel zu wenig gefragt hast, als sie noch da war. dass du eigentlich viel zu wenig weisst über sie. und dass ihr eigentlich sowieso viel zu wenig zeit hattet miteinander. und dann nimmst du ganz vorsichtig ihren namen in deinen mund. sprichst ihn halblaut aus, immer dann, wenn du sozusagen alleine bist, vor dem spiegel stehst und deine hose betrachtest. grosi, wie findest du diese hose? grosi? wahrscheinlich viel zu eng oder zu kalt oder zu neu und eigentlich kommst du dir eh ziemlich dumm vor, einfach so vor dich hin zu reden zu deinem toten grosi oder wem auch immer. trotzdem kannst du es nicht lassen. so tot kann sie ja auch wieder nicht sein, oder? sie würde sagen, jo die hose gfaue mer jetz auso nid bsungers. aber du muesch es jo wüsse. und du weisst, dass ihr die hose eigentlich gefällt, aber du weisst auch, dass sie immer was aussetzen muss und du findest das auch voll okay, denn in einem lieberen ton als dem von grosi kann niemand was gegen deine hose sagen. und schon fast ist ihr ressentiment gegen deine hose ein kompliment.

immer wenn du an sie denkst, denkst du daran, dass du nie genug an sie gedacht hast. dass du sie zu wenig angerufen hast. dass du sie zu oft auf morgen verschoben hast. weil sie immer da war, weil grosi immer in ihrem stuhl gesessen ist und immer erreichbar gewesen ist, weil du sie immer besuchen konntest, und weil grosi immer für ein rivella auf dem balkon zu haben war.

eben nicht.

eben ist grosi plötzlich im spital, eben kann grosi das telefon nicht mehr selber halten und rivella zu trinken, darauf hat sie auch keine lust mehr. zu viel kohlensäure. überhaupt will grosi nichts mehr essen oder trinken, überhaupt macht alles nicht mehr so spass. und alles ist so schwer und so mühsam und grosi wird langsam lebensfremd. und müde. richtig müde. und grosi sagt immer und immer wieder, dass sie müde sei und dass sie es müde sei, müde zu sein. und du möchtest was tun, irgendwas, ihr die schmerzen aufessen und auskotzen, ihr leiden beenden. doch du kannst nur dasitzen und ihr sagen, dass es okay sei, dass sie das gut mache, aber selber hast du eigentlich keine ahnung. und du möchtest alles sein für sie, aber du kannst nur good company. dabeisein. was soll das, fragst du dich. was soll diese scheisse. dasitzen und zusehen. und ihre fragen beantworten, wenn sie fragt, ob das nun ihr leben sei. es gäbe doch viele arten zu sein und das ändere sich doch immer und immer wieder, meinst du, das sei nur jetzt gerade so und-

weisst du wohin ich gehe, fragt sie.

du sagst nichts.

weisst du wohin ich gehe, fragt sie.

du sagst nein.

weisst du, was passieren wird, fragt sie.

du sagst nein.

du fragst, ob sie angst hat.

sie sagt nein.

-

kommst du mich dann besuchen, fragt ihr beide.

kann man wirklich tote menschen besuchen, fragst du.

sie sagt nichts.

* literarische Annäherung an die Ausstellung durch eine Drittperson, wird jeweils an der Vernissage vorgelesen, kann von den Besuchenden gratis mitgenommen werden.

Zeichnungsspiel Finissage

Vor mir ein Stapel leerer Blätter. Ich schreibe einen Satz auf das erste Papier und gebe es dem Menschen neben mir. Dieser Zeichnet aufgrund meines Satzes ein Bid auf das nächste leere Papier. Dann verschwindet mein Satz zunterst im Stapel. Der Stapel mit der Zeichnung zuoberst wird an den nächsten Menschen in der Runde weitergegeben, der wiederum einen Satz daraus ableitet – sehr viel Spass.

 

Stapel 1

Stapel 2

Stapel 3

Stapel 4

Stapel 5

Stapel 6

Sapir Kesey Leary

Sapir Kesey Leary ~~~ ספיר קסם לירי
*1988 
Bern ‏ |  Tel-Aviv
sapir.k.leary@gmail.com
sapirkesemleary.cargo.site

Verkauf

Melden Sie sich bei Interesse bitte telefonisch oder per Mail.