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Samstag, 12. Februar 2022–Samstag, 26. März 2022

First Come – Sebastian Tackmann

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Mit FIRST COME sind Sie herzlich eingeladen. Orte zu besuchen, unbeschwert und risikoarm. Vorbei an Chancen. Über Gleiche, hinter Gleichen. Bei Werten, externe Einschätzungen. Und all dies nur ein paar Minuten vom Elternhaus, der Arbeit und dem Rest. Gebühren NEIN, Prozente JA. Unsere Mitarbeitenden begleichen allfällige Restschulden und polieren weiter auf. FIRST für alle, sieht anders aus. Und FIRST für alle anders.

LITERARISCHE VERORTUNG* DURCH SARAH ELENA MÜLLER

First come, second try

Try softer. The first cut is… du weisst schon.

Das Problem mit der Autorität der Worte. Dieses Problem hat die Autorin.
Das Problem mit der Belastbarkeit des Materials. Dieses Problem hat der Künstler.

Das Papier beispielsweise. Es wölbt sich, einem kleinen Teller gleich. Es versucht, das Viele, das ihm zugemutet wird, zu behalten. Sebastian folgt einer Regel. Folgt der Folgerichtung.

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12.02.2022

First come, second try

Sarah Elena Müller

 

Try softer. The first cut is… du weisst schon.

 

Das Problem mit der Autorität der Worte. Dieses Problem hat die Autorin. Das Problem mit der Belastbarkeit des Materials. Dieses Problem hat der Künstler.

 

Das Papier beispielsweise. Es wölbt sich, einem kleinen Teller gleich. Es versucht, das Viele, das ihm zugemutet wird, zu behalten. Sebastian folgt einer Regel. Folgt der Folgerichtung. Die Regel kennt nur ihre eigene Dynamik. Wie viel davon so ein Papier aushält, ist der Regel einerlei.

 

First rule, then crash. Regel meets Tragbarkeit.

 

Manchmal geht Sebastians Material kaputt, bevor das Werk fertig ist. Das macht das Werk fertig. Es kann nirgendwo weitermachen, Sebastian muss dem Werk ein frisches Material suchen, vielleicht an der Ecke, wo die Nachbarschaft ihre Sachen hinstellt. Das Werk muss dann darin reinkarnieren, sich noch einmal neu mit der Regel verabreden. Aber auch die Regel… wer weiss, ob sie nochmal Lust hat. Man würde es nicht denken, aber die Regel ist kein zuverlässiges Date.

 

Sebastian gefallen Worte wie: ÜBEN, TESTEN, LERNEN

Ich will immer wissen: WAS? WEN? WIE und WOZU?

 

Expertise ist ein Konstrukt. Konstrukte machen einsam. Schlagworte auch. Früher war noch mehr Zusammenhang. Jaja.

 

Es gab eine Zeit, da zogen wir uns Begriffe durch den Mund, denn wir waren hungrig. Satt wurden wir davon nicht, aber die Geräusche, die dabei entstanden, stillten den Bedeutungshunger anderer.

 

First serve, then deserve.

 

Verdient hat das niemand. Daran verdient auch nicht. Verdient hat niemand etwas.

 

Aber eine Freude machen ist trotzdem erlaubt. Können wir uns an dieser Stelle kurz vorstellen, wie es wäre, wenn alle Kulturschaffenden, die heute Kontext zu ihren Werken herbeitexten, sagen würden: Uns war es ein Anliegen, Ihnen eine Freude zu machen.

 

Come by, come try, try… style.

 

Jetzt die Übung: per Design frei sein. Das Selbstverständnis den Trägerobjekten überlassen. Weniger Durchschauungsstress, mehr Begegnungszone. Den Leuten die Angst vor der Kunst nehmen.

 

Den Dingen und Bildern begegnen, sich zu ihnen neigen, wie man sich einer Pflanze zuneigt, um zu horchen, ob sie vielleicht doch etwas gesagt hat. Ihnen etwas zutrauen, eine Sinnestäuschung, eine entspannende Wirkung, ein Klicken oder Rauschen im Wahrnehmungsapparat. Die Aufmerksamkeit folgt der Linie, die Linie folgt der Regel, folgt ihr selbstvergessen. Wer selbst zeichnet, kennt diese Entführung.

 

First trust, off shore.

 

Sebastian arbeitet mit den Materialien auf gleichberechtigter Basis. Was für ein Zustand, denke ich und stelle mich ebenfalls dazu. Aber meine konzeptionelle Konzipiertheit vermiest mir das quantenmechanische Kräuseln. Das stimmt mich traurig. Es gibt doch schon soviel Unüberwindbares. Wände, Enden, Hände. Warum setze ich mich denn freiwillig ins Gehege?

 

Das Material hat auch seine Grenzen, tröstet Sebastian. Seine eigenen. Das sind keine, die eine Autorschaft erfinden kann. Sie treten ohne Regieanweisung auf. Sie können sehr schön und fast wie etwas Wertvolles aussehen. Oft treten sie erst nach strapaziöser Bearbeitung oder vielen Wiederholungen zu Tage. Man muss schon was dafür tun, dass sie sich zeigen.

Arbeit ?

frage ich.

Bemühung.

erwidert er.

Sozialarbeit ?

frage ich, denn jetzt habe ich den Faden verloren, ob wir von Objekten oder Menschen sprechen.

 

Es liegt etwas Politisches zu Grunde.

Das schon.

erwidert er.

 

Und davon und dazu, also von und zu politischer Kunst, haben wir alle hier – die Polis samt all cops are police officers – ein geschultes Empfinden. Wir haben da eine empfindsame Schule durchlaufen und können es überhaupt nicht vertragen, wenn in diesem Bereich etwas verkehrt rum eingeordnet wird. Denn spätestens, wenn es Viele etwas angehen soll, ist essentiell, dass nur ganz Wenige definieren dürfen, wie das geht und was das ist. Und da bläht sich an mir der Deutungskamm zum Brüllkragen auf, ich vergesse glatt das Zuhören.

 

Wie ist denn das zu verstehen? Als Haltung? Gar nicht als Erscheinungsform? Sebastian nickt. Mein Kragen erschlafft wieder zum Blasebalg. Was töne ich hier überhaupt herum… Haltung? wiederhole ich und wünsche mir, die Haltung festzuhalten.

 

Alle können ohne privilegierte Rahmenbedingungen, ohne kuratierte Ausgangslage mit niederschwellig zugänglichen Materialien etwas machen. Sich auf Augenhöhe annähern, sich mit den unmöglichen Eigenschaften dieses Gegenübers bekannt machen, etwas lernen über Brüchigkeit, Belastbarkeit, Schönheit und unvorhergesehene Reaktionen…

 

Mir wird etwas mulmig. Wer ist Was und Was ist Jemand? Und wenn jemand etwas ist, also die Subjekt Objekt Grenze nicht mehr durch Machtgefälle verortet ist, was ist dann die Umkehrpraxis? Etwas mit sich machen lassen?

Sebastian lacht. Vielleicht über meine Ernsthaftigkeit.

Dafür, selbst Objekt zu werden, dafür benötigt man doch erst recht keine Mittel und Wege. Umso besser, wenn du nichts hast, dann wird mit dir gemacht. Aus Notwehr kannst du dann noch dein Kunstverständnis dahingehend ausweiten, du Werk des Regelwerks, du Mensch du. Und bist du ein gefundenes Fressen, ein object trouvé, dann falle zumindest in gute Hände, werde verschenkt zur Freude anderer.

 

First find, first touch, first love, no choice, no serve.

 

Meine sprachlichen Aufschläge wollen nicht gelingen. Roger Federer schüttelt den Kopf. Auch er ist nicht einverstanden, aber ihm kommt selten das Wort NEIN über die Lippen. Er wollte all diese Werbungen gar nie machen. Aber er konnte seine Grenzen nicht klar erkennen und ausdrücken.  Wir kennen das.

 

Mir ist etwas schwindlig und ich möchte jetzt die Werke anschauen und darüber konkret werden. Aber ohne sie zu sehr zu belasten. Konkret heisst immer hin in Stein meisseln oder Beton giessen.  Also, kann man. Kann man machen. Könnte man meinen, dass man das so macht.

 

Also:

 

Man könnte meinen, ein Fledermauskonglomerat

Man könnte meinen, ein Absturz, in Folge dessen

Man könnte meinen, Geschmeide zur Vorspeise

Man könnte meinen, herzhaft Epoxidharz

Man könnte meinen, der Stab zur grösseren Hoffnung

Man könnte meinen, Friedhof der Brettspiele

Man könnte meinen, ein non-binärer Beistelltisch

Man könnte meinen, ein Insekt in der Warteschlaufe

Man könnte meinen, in der Warteschlaufe laufe „Enia“

Man könnte meinen, eine Sternkarte aus Rasierklingen

Man könnte meinen, Pflege und Weltraum

Man könnte meinen, Schmetterling sei ein perverses Wort

Man könnte meinen, eine Hand wäscht die Finger der anderen Hand nicht

Man könnte meinen, erinnere mich doch nächstes Mal daran

Man könnte meinen, ein Brot kommt selten allein

Man könnte meinen, eine Gabel sei Zeugin gestanden

Man könnte meinen, du sollst dir kein Blutbild machen

Man könnte meinen, Weberknechte hätten Mühe damit

Man könnte meinen, Tomatensauce liesse sich schlecht symmetrisch verteilen

Man könnte meinen, Symmetrie sei doppelt verlogen

Man könnte meinen, Lügen haben kurzes Fell

Man könnte meinen, Lügen fliegen weit vom Stamm

Man könnte meinen, Lügen falten Prospekte

Man könnte meinen, ich war noch niemals in den Ferien

Man könnte meinen, wenn, dann Sizilien

Man könnte meinen, auch Japan habe schöne Esel

Man könnte meinen, Blutungen seien monatlich kein Tatort

Man könnte meinen, ein Rohr ist kein Rohr

Man könnte meinen, einmal ist vielmal

Man könnte meinen, form fits function

Man könnte meinen, die Grafikkarte sei vielleicht am Anschlag

Man könnte meinen, Funken schlagen die Augen nieder

Man könnte meinen, die Würfel sind umgefallen

Man könnte meinen, die Zeit schreite trotzdem voran

Man könnte meinen, Trennwände trennen Dimensionen

Man könnte meinen, das Auge tränt

Man könnte meinen, die Sicht verschwimmt

Man könnte meinen, eine Serviette würde helfen

Man könnte meinen, der Gral hätte schon bessere Zeiten gesehen

Man könnte meinen, autonome Nester bilden sich im am Rand

Man könnte meinen, in Gruppen ruhen sei erholsamer

Man könnte meinen, es drückt der Schuh

Man könnte meinen, die Optik schwappe über

Man könnte meinen, der informelle Umgang mit Glas sei transparent

Man könnte meinen, Signalwirkung rangelt mit Nebenerscheinung

Man könnte meinen, dem Binnenland fehle ein Flaggenalphabet

Man könnte meinen, gewedelte Sprache ähnle verschmiertem Nagellack

 

Man könnte fragen, wie es denn gemeint sei.

Man könnte sagen, ich sei gemein.

Man könnte erwägen, vage zu bleiben.

Man könnte nachhaken, wer den dieser MAN sei.

 

Man ist die Nudelbeigabe

in der Wan Tan Suppe

in der Wenn-Dann Kette

Faden, Nadel und Würmer first

Klettverschluss second

Nett dressed Modeknappe

Queerquappe

Mapping for pleasure

Nähen for children

Karten sans frontiers

Ärztin ohne Enkel

Nullsummenspiel

Brunst

Kunst

Kruscht

Sud

 

Ich bin bei einer Silbe.

Ich habe mich wiederholt.

Ich habe gekaut.

First eat, then speak.

Come see.

* literarische Annäherung an die Ausstellung durch eine Drittperson, wird jeweils an der Vernissage vorgelesen, kann von den Besuchenden gratis mitgenommen werden.

Zeichnungsspiel Finissage

Vor mir ein Stapel leerer Blätter. Ich schreibe einen Satz auf das erste Papier und gebe es dem Menschen neben mir. Dieser Zeichnet aufgrund meines Satzes ein Bid auf das nächste leere Papier. Dann verschwindet mein Satz zunterst im Stapel. Der Stapel mit der Zeichnung zuoberst wird an den nächsten Menschen in der Runde weitergegeben, der wiederum einen Satz daraus ableitet – sehr viel Spass.

 

Stapel 1

Stapel 2

Stapel 3

Stapel 4

Stapel 5

 

Sebastian Tackmann

Sebastian Tackmann
*1980 
Bern
tackaloco@gmx.ch

Verkauf

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